Dora Maria Kahlich-Koenner
Anthropologin

Geboren als Dora Maria Koenner am 5.12.1905 in Persenbeug a. d. Donau. Sie maturierte 1924 an der Lehrerinnenbildungsanstalt der Englischen Fräulein in Krems. Außerordentliche Hörerin Geographie und Germanistik an der philosophischen Fakultät der Universität Wien, kurz vor Beendigung des Studiums 1929 Wechsel zum Studium der physischen Anthropologie, Nebenfach Paläontologie, 1934 Promotion.
Noch vor Beendigung des Studiums Mitarbeiterin am Anthropologischen Institut in der „Erbbiologischen Arbeitsgemeinschaft“ des Institutsvorstands Josef Weninger; 1934–1936 wissenschaftliche Hilfskraft, 1936–1945 Assistentin am Anthropologischen Institut.
Ab 1937 körper- und konstitutionstypologische Untersuchen im Wiener Pflege- und Altenheim Lainz, ab Herbst 1938 gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, dem Anthropologiestudenten Herbert Kahlich (1914-1944) ausschließliche Untersuchung von jüdischen Insassen. 1938–1945 NS-Abstammungsgutachterin, im Juli 1941 am Institut für Erb- und Rassenhygiene der Universität Prag, „Kurzlehrgang über erbbiologische Methoden“. Von März bis April 1942 gemeinsam mit ihrer Kollegin Elfriede Fliethmann, dem Fotografen Rudolf Dodenhoff und Hilfskräften rassenkundliche Befundaufnahmen an  565 jüdischen Männer, Frauen und Kinder des Ghettos Tarnów im polnischen „Generalgouvernment“. Systematisch erfasst wurden körperliche Merkmale, Lebensverhältnisse und Gesundheitszustand. Fotografien wurden angefertigt und Haarproben genommen. Über die gewonnenen Daten erwarteten die beiden Wissenschafterinnen Erkenntnisse zu Fragen der Vererbung. Aufnahmebögen, Messblätter, Haarproben, Umrisszeichnungen und Gesichtsfotografien sind heute in Archiven in Krakau, Washington und Wien erhalten.
Nach 1945 keine Rückkehr ans Anthropologische Institut, 1959 Privatassistentin von Ordinarius Leopold Breitenecker am Gerichtsmedizinischen Institut, erstellte Vaterschaftsgutachten, seit den 1960er Jahren Spezialisierung in Serologie, vor allem Untersuchung von Rhesusfaktoren am Institut für Blutgruppenforschung der Universität Wien. Dora Maria Kahlich-Koenner starb am 28.3.1970 in Wien.

Werke: Der rassendiagnostische Wert des Humerus. Untersuchungen an Hominiden und Anthropoiden (Phil. Diss. 1934), Ein Beitrag zur Syndaktylie und ihrer Vererbung. In: MAG 53 (1933), Anthropologische und morphologische Beobachtungen an der menschlichen Hand. In: MAG 68 (1938), Nachtrag zur Vorlesung in der ,Deutschen Gesellschaft zur Rassenforschung‘. In: MAG 67 (1938), Ein Beitrag zur Morphologie der Hand. In: Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Rassenforschung IX (1938), Häufigkeiten von Extremitätendefekten. In: Der Erbarzt Nr. 4 (1938), Vorläufiger Bericht über rassenkundliche Aufnahmen an Juden. In: Verh. Dt. Ges. Rassenf. X (1940), Praktische Erfahrungen bei der Anwendung der Essen-Möller’schen Formel in Wiener Vaterschaftsuntersuchungen. In: Homo II (1951), Erythrozyten und Serumsmerkmale bei Einwohnern der Kanarischen Inseln. In: Anth. Anz. 31 (1968).

Quellen:
Ilse Korotin (Hg): BiografiA: Lexikon österreichischer Frauen. Wien, u.a. 2016 (UA Wien, ÖStA. L.: Aly 1997, Aly/Heim 1997, Dissertationsverzeichnis, Fuchs 1996, Fuchs 2002, Tuppa 1970); Brigitte Fuchs: Kahlich-Könner, Dora Maria. In: Brigitte Keintzel, Ilse Korotin: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben – Werk – Wirken. Böhlau, Wien 2002, S. 339–342; Maria Teschler-Nicola, Margit Berner: Die Anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums in der NS-Zeit; Berichte und Dokumentation von Forschungs- und Sammlungsaktivitäten 1938–1945. Hrsg.: Abteilung für Archäologische Biologie und Anthropologie Naturhistorisches Museum Wien, siehe https://www.nhm-wien.ac.at/jart/prj3/nhm/data/uploads/mitarbeiter_dokumente/berner/Senatsber.pdf; Berner, Margit: Letzte Bilder. Die „rassenkundliche“ Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942. Berlin 2020; https://de.wikipedia.org/wiki/Dora_Kahlich-K%C3%B6nner.

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